Grundlagen verteilter und punktueller faseroptischer Sensorik: Messprinzipien (Rayleigh, Brillouin, Raman, FBG), Topologien von Messketten, räumliche und zeitliche Auflösung, sowie relevante Normen (DIN, VDI, ISO) für Dehnungs-, Temperatur- und Druckmessung in Bauwerken und Verbundstrukturen.
Abstrakt
Faseroptische Sensoren verwandeln einen Lichtwellenleiter in ein Messinstrument: Länge, Dehnung, Temperatur, Druck und Vibration werden nicht an einzelnen Punkten erfasst, sondern entlang der gesamten Faser — bei verteilten Verfahren mit zehntausenden effektiver Messstellen auf einer einzigen Leitung. Der Beitrag ordnet die vier technologisch dominanten Prinzipien ein (Rayleigh-, Brillouin- und Raman-Rückstreuung sowie Faser-Bragg-Gitter), beschreibt typische Messketten vom Sensor über den Interrogator bis zur Datenauswertung, und benennt die normativen Grundlagen, auf die sich eine prüffähige Instrumentierung heute berufen muss. Ziel ist ein kompakter Einstieg für Ingenieurinnen und Ingenieure, die faseroptische Sensorik erstmalig für zerstörungsfreie Prüfung (ZfP) oder Structural Health Monitoring (SHM) einsetzen und zwischen Prinzipien, Topologien und Reichweiten eine belastbare Auswahl treffen müssen.
Schlüsselwörter: faseroptische Sensoren, verteilte Faseroptik (DFOS), Faser-Bragg-Gitter (FBG), Rayleigh-Rückstreuung, Brillouin-Streuung, Raman-Streuung, Structural Health Monitoring, zerstörungsfreie Prüfung, Normung.
1. Einleitung
Die klassische Messtechnik der Baustatik und des Maschinenbaus ruht auf punktuellen Aufnehmern: Dehnungsmessstreifen, Beschleunigungssensoren, Thermoelemente. Jeder Aufnehmer liefert einen Wert an einem Ort, jeder Aufnehmer braucht eine eigene Leitung, eine eigene Durchführung, eine eigene Prüfkette. Bei größeren Bauwerken — Spannbetonbrücken, Tunnel, Pipelines, Windenergieanlagen, Verbundwerkstoffe — stößt dieser Ansatz an zwei Grenzen zugleich: die kombinatorische Explosion der Verkabelung und das Problem, dass Schäden sich selten dort einstellen, wo gemessen wird.
Faseroptische Sensorik dreht die Logik um. Statt viele Punkte zu instrumentieren, wird ein durchgehender Lichtwellenleiter in die Struktur eingebracht. Jedes Zentimeter dieser Leitung ist potentiell eine Messstelle; welche Zentimeter tatsächlich ausgewertet werden, entscheidet der Interrogator. Das ergibt bei typischer Konfiguration einige zehntausend bis Millionen virtueller Messpunkte, die aus einer einzigen Leitung gelesen werden, über Entfernungen von zehn Metern bis zu zehn Kilometern.
Für die Praxis wichtig: faseroptische Verfahren sind elektromagnetisch unempfindlich, benötigen keine Spannungsversorgung am Messort, lassen sich an schwer zugängliche Stellen bringen (vergussfähig in Beton, einbettbar in Verbundwerkstoffe, führbar durch Dichtungen und Durchführungen) und bleiben über Jahrzehnte stabil, wenn Faser und Mantel richtig gewählt sind. Die Technologie ist seit den frühen 1990er Jahren industriell verfügbar; die letzte Dekade hat vor allem Preis, Zuverlässigkeit und Normierung so weit gebracht, dass ein breiter Einsatz außerhalb von Forschungslaboren tragfähig ist [1,2].
Dieser Beitrag ordnet das Feld entlang dreier Fragen, die am Anfang jedes Projekts stehen: Welches physikalische Prinzip liefert die benötigte Information?, Wie wird die Faser mit Interrogator und Datenpfad verbunden?, und Nach welcher Norm wird die Messkette prüffähig dokumentiert?
2. Messprinzipien
Faseroptische Sensoren nutzen aus, dass sich das Licht in einem Lichtwellenleiter nicht beliebig „sauber” ausbreitet. Ein geringer Teil der Energie wird gestreut, ein weiterer Teil reflektiert; aus beiden Beiträgen lassen sich physikalische Größen am Streuort zurückrechnen. Vier Mechanismen dominieren die Technik.
2.1 Rayleigh-Rückstreuung (OFDR und OTDR)
Rayleigh-Streuung entsteht durch mikroskopische Dichteschwankungen im Faserkern. Diese Schwankungen sind einem individuellen Faserabschnitt eigen und ändern sich mit lokaler Dehnung und Temperatur. Zwei Interrogatorfamilien verwerten dies:
- Optical Frequency Domain Reflectometry (OFDR) nutzt eine durchgestimmte, kohärente Lichtquelle und wertet das Rückstreuprofil im Frequenzbereich aus. Typisch: räumliche Auflösung von 1 mm bis 1 cm, Reichweite bis ca. 100 m, Dehnungsempfindlichkeit im Bereich ±1 µε, Temperaturempfindlichkeit ±0,1 °C (vgl. [3,4]). OFDR eignet sich hervorragend für kurze, hoch aufgelöste Strecken — Verbundwerkstoffe, Laborprüfungen, kritische Teilabschnitte eines Bauwerks.
- Optical Time Domain Reflectometry (OTDR) sendet kurze Lichtpulse und misst Laufzeit und Rückstreuamplitude. Reichweiten von mehreren Kilometern sind erreichbar, bei räumlichen Auflösungen im Meterbereich.
Rayleigh-Verfahren liefern Dehnung und Temperatur gleichzeitig. Die Trennung der beiden Beiträge erfordert eine zweite, mechanisch entkoppelte Faser oder ein kombiniertes Verfahren mit Raman-DTS (siehe Abschnitt 2.3).
2.2 Brillouin-Streuung (BOTDA, BOTDR, BOFDA)
Brillouin-Streuung ist eine inelastische Streuung an akustischen Phononen. Die Frequenzverschiebung des gestreuten Lichts (Brillouin-Shift) hängt linear von Temperatur und Dehnung ab. Daraus leiten sich die drei industriell etablierten Varianten ab:
- Brillouin Optical Time Domain Analysis (BOTDA) — stimulierter Brillouin, benötigt Zugang zu beiden Faserenden. Reichweite typisch 20–50 km, bei neueren Systemen bis 100 km; räumliche Auflösung 0,5–5 m; Dehnungsempfindlichkeit ±2–20 µε, Temperaturempfindlichkeit ±0,1–1 °C (vgl. [5]).
- Brillouin Optical Time Domain Reflectometry (BOTDR) — spontaner Brillouin, einseitiger Zugang reicht aus. Robuster für Bestandsbauwerke, bei etwas geringerer Empfindlichkeit.
- Brillouin Optical Frequency Domain Analysis (BOFDA) — Modulation im Frequenzbereich; verbessert die Auflösung bei langen Strecken.
Brillouin ist die bevorzugte Technik für weitreichende Infrastrukturüberwachung: Pipelines, Tunnel, Deiche, Hochspannungsleitungen, Eisenbahngleise.
2.3 Raman-Streuung (DTS)
Raman-Streuung entsteht an molekularen Schwingungen des Faserglases. Das Verhältnis zwischen Stokes- und Anti-Stokes-Komponente der gestreuten Welle hängt ausschließlich von der absoluten Temperatur am Streuort ab. Daraus folgt die Distributed Temperature Sensing (DTS):
- Reichweite typisch 10–30 km, in Sonderfällen bis 70 km;
- räumliche Auflösung 0,5–2 m;
- Temperaturempfindlichkeit ±0,1–0,5 °C (vgl. [6,7]).
DTS ist unempfindlich gegenüber Dehnung und liefert deshalb eine saubere Temperaturreferenz — ideal für die Kreuzsensitivitätskompensation bei Rayleigh- oder Brillouin-Dehnungsmessungen. Typische Einsatzorte: Starkstromkabel in Kabelschächten (Hot-Spot-Detektion), Tunnelbelüftung, Pipelines (Leckdetektion über Joule-Thomson-Abkühlung), geothermische Bohrungen, Dammüberwachung.
2.4 Faser-Bragg-Gitter (FBG)
Faser-Bragg-Gitter sind periodische Brechzahlmodulationen im Faserkern, die eine bestimmte Wellenlänge selektiv reflektieren. Dehnung und Temperatur verschieben die Bragg-Wellenlänge; der Interrogator liest die Verschiebung aus. Charakteristik:
- punktuelles Messverfahren, Messlänge je Gitter typisch 5–20 mm;
- Multiplexing über Wellenlänge (WDM) — pro Faser 20–50 Gitter, bei feiner Spektralaufteilung mehr;
- hohe Dynamik bis in den Kilohertz-Bereich — geeignet für Schwingungs- und Modalanalyse;
- Dehnungsempfindlichkeit ±0,5–1 µε, Temperaturempfindlichkeit ±0,1 °C (vgl. [8]).
FBG ist die faseroptische Antwort auf den klassischen Dehnungsmessstreifen: punktuell, kalibrierbar, einzeln adressierbar — nur ohne elektrische Zuleitungen und mit messtechnischer Multiplexfähigkeit.
2.5 Vergleich auf einen Blick
| Prinzip | Messgröße | Räumliche Auflösung | Reichweite | Empfindlichkeit |
|---|---|---|---|---|
| OFDR (Rayleigh) | Dehnung + Temperatur | 1 mm – 1 cm | bis ~100 m | ±1 µε / ±0,1 °C |
| OTDR (Rayleigh) | Dehnung + Temperatur | ~1 m | mehrere km | ±5 µε |
| BOTDA / BOTDR | Dehnung + Temperatur | 0,5 – 5 m | 20 – 100 km | ±2 – 20 µε / ±0,1 – 1 °C |
| Raman DTS | nur Temperatur | 0,5 – 2 m | 10 – 30 km | ±0,1 – 0,5 °C |
| FBG | punktuelle Dehnung / Temperatur | 5 – 20 mm (je Gitter) | WDM 20 – 50 Gitter / Faser | ±0,5 – 1 µε |
Die Auswahl folgt nicht aus einer „Rangliste” der Verfahren, sondern aus der Frage, welche räumliche Auflösung über welche Reichweite mit welcher Messgröße benötigt wird — und wie Temperatur und Dehnung in der konkreten Anwendung getrennt werden sollen.
3. Topologien der Messketten
Eine faseroptische Messkette besteht aus vier Elementen: der Sensorfaser (einschließlich Beschichtung und mechanischer Ankopplung an die Struktur), den Verbindungs- und Durchführungsleitungen, dem Interrogator sowie der nachgelagerten Datenaufbereitung und Übergabe an das übergeordnete System (SCADA, MES, SHM-Plattform).
3.1 Faser und Mantel
Zwei Faserklassen dominieren: Standard-Singlemode-Faser (SMF-28 kompatibel, ITU-T G.652) für klassische Nachrichten- und Sensoranwendungen, und polyimidbeschichtete oder ormocerbeschichtete Fasern mit erhöhter chemischer, thermischer und mechanischer Robustheit — notwendig für Einbettung in Beton, Verbundwerkstoffe oder bei Hochtemperaturanwendungen über 150 °C.
Die Wahl des Mantels bestimmt zwei Dinge gleichzeitig: die Umgebungsbeständigkeit und die Dehnungsübertragung von der Struktur in die Faser. Ein zu dicker, nachgiebiger Mantel entkoppelt die Faser mechanisch und senkt die effektive Dehnungsempfindlichkeit; ein zu dünner Mantel erhöht das Bruchrisiko. Die Shear-lag-Modellierung dieses Übergangs ist ein eigenes Kapitel und wird in [9] ausführlich behandelt.
3.2 Einseitig oder beidseitig geschlossen
- Single-ended — die Faser endet mit einer Reflexionsabsorption; der Interrogator misst nur von einer Seite. Vorteil: eine Durchführung reicht. Nachteil: fällt die Faser an einem Punkt aus, ist alles dahinter unerreichbar. Geeignet für kurze Strecken und Prototypen.
- Loop-back / double-ended — die Faser kommt an derselben Seite wie der Start zurück; der Interrogator kann aus beiden Richtungen messen. Verlust eines Teilabschnitts wird kompensiert, Messgenauigkeit steigt (verrauschen die beiden Richtungen unterschiedlich, lässt sich das Mittel bilden). Standardtopologie für langlebige Infrastrukturinstrumentierung.
3.3 Multiplexing
Bei FBG-Systemen wird Wellenlängenmultiplex genutzt, bei verteilten Systemen Zeit- oder Frequenzmultiplex über die Entfernung. Ein zusätzlicher Raum-Multiplex entsteht durch optische Schalter, die mehrere Fasern an einen Interrogator anschließen und sequentiell abfragen. Für ein großes Bauwerk ist typisch, dass ein einziger Interrogator über einen optischen Schalter 4–8 Fasern (z. B. Nord-, Süd-, Ost- und Westseite einer Brücke) im Minutentakt bedient.
3.4 Vom Interrogator in die SCADA
Die Rohdaten des Interrogators sind nicht trivial: ein verteiltes System liefert pro Messung einen vollständigen Dehnungs-/Temperaturvektor über die Faserlänge. Bei 10 km Faser und 1 m Auflösung sind das 10 000 Werte je Scan, bei einer Scanrate von 1 Hz entsprechend 36 Millionen Werte pro Stunde. Die Datenreduktion am Rand (Edge-Aggregation, Schwellwertabgleich, Verdichtung auf statistische Momente über Zeitfenster) ist deshalb Teil der Messkette, nicht ein nachgelagerter Schritt.
Die Übergabe in SCADA/MES erfolgt über etablierte Industrieprotokolle (OPC UA, MQTT, Modbus-TCP) oder über ein REST-API des Interrogators. Für prüffähige Dokumentation ist eine manipulationssichere Protokollierung jeder Messung erforderlich — Zeitstempel, Interrogator-Seriennummer, Kalibrierzustand, Rohdaten-Hash.
4. Normen und Richtlinien
Faseroptische Sensorik wird in den letzten Jahren schrittweise normativ eingehegt. Die relevantesten Dokumente lassen sich in drei Gruppen fassen.
4.1 Internationale Produkt- und Verfahrensnormen
- IEC 61757-Reihe — „Fibre optic sensors”: Terminologie, Prüfung, Charakterisierung. IEC 61757-1 definiert allgemeine Begriffe; weitere Teile adressieren spezifische Messgrößen (Temperatur, Dehnung, Druck).
- ISO/TS 24679-Reihe — fibre optic distributed sensing für Infrastruktur (in Teilbereichen in Entwicklung).
4.2 Anwendungsnormen Bauwesen und Geotechnik
- ISO 18674-Reihe — „Geotechnical monitoring by field instrumentation”. Enthält Festlegungen zur Instrumentierung geotechnischer Konstruktionen, einschließlich faseroptischer Verfahren für Verschiebungs- und Dehnungsmessungen.
- fib Model Code for Service Life Design sowie fib Bulletin 86 („Monitoring of concrete structures”) — Referenz für Betoninstrumentierung einschließlich DFOS-Einsatz [10].
- Eurocode-Serie (EN 1990 ff.) — Grundlagen der Zuverlässigkeit und Nachweise; Monitoring-Daten können im Zuge des Zuverlässigkeitsnachweises berücksichtigt werden.
4.3 Deutsche und europäische Richtlinien
- DIN-Normen für zerstörungsfreie Prüfung (EN ISO 9712, Qualifikation von ZfP-Personal) und für Spannbetonbauwerke bilden den Rahmen; faseroptik-spezifische DIN-Normen entstehen im Umfeld der NA 092 (Materialprüfung).
- VDI-Richtlinien behandeln Messverfahren im Maschinen- und Anlagenbau; die VDI-Reihen zur Schwingungsmesstechnik und zum Structural Health Monitoring sind einschlägig.
- DGZfP-Richtlinien (Deutsche Gesellschaft für Zerstörungsfreie Prüfung) — Fachempfehlungen für die ZfP-Praxis, einschließlich Monitoring.
Praktische Konsequenz: Für die Dokumentation einer DFOS-Messkette gegenüber Bauherr, Prüfingenieur oder Betreiber genügt es nicht, auf „ein faseroptisches System” zu verweisen. Prüffähig sind nur Messketten, deren Komponenten (Faser, Interrogator, Verankerung) individuell gegen definierte Prüfanforderungen kalibriert und protokolliert sind — in der Regel nach der oben genannten IEC-61757-Reihe für den Sensor, nach fib Bulletin 86 für die bauliche Anwendung, und mit einer Rückführbarkeit der Kalibrierung auf nationale Normale (in Deutschland PTB, über DKD/DAkkS-Kalibrierkette).
5. Typische Anwendungen
Vier Anwendungsfelder dominieren den heutigen Einsatz faseroptischer Sensorik:
- Brücken- und Spannbetonbauwerke. Dehnungsverteilungen entlang Trägerlängen, Rissdetektion vor visueller Sichtbarkeit, Spannkraftüberwachung in nachgespannten Litzen, dauerhafte Instrumentierung ohne Nachkabelung.
- Verbundwerkstoffe (CFRP, GFRP, Aramid). Einbettung während der Laminierung oder im Infusionsprozess; Monitoring von Delamination, Matrixrissbildung und Faserbruch von innen. Zentral im Flugzeugbau, der Windenergie und bei Composite-Rohrleitungen.
- Pipelines, Tunnel und Deiche. Verteilte Dehnungs- und Temperaturmessung über zehn bis hundert Kilometer; Leckdetektion über thermische Signaturen, Setzungserkennung, Angriffsdetektion (Dritte, die auf die Leitung einwirken).
- Energieinfrastruktur. Hot-Spot-Detektion in Hochspannungskabeln, Temperaturüberwachung in Transformatoren, Monitoring von geothermischen Bohrungen.
Zusätzlich: medizinische Druckaufnehmer, strukturelle Modalanalyse mit FBG-Beschleunigungsaufnehmern, Perimetersicherung über vibrationssensible Fasern.
6. Grenzen und Fehlerquellen
Eine redliche Darstellung faseroptischer Sensorik enthält auch, wo die Technik an Grenzen stößt:
- Kreuzsensitivität Dehnung ↔ Temperatur. Bei Rayleigh- und Brillouin-Verfahren messen Dehnung und Temperatur simultan dieselbe Observable. Ihre Trennung erfordert eine zusätzliche, mechanisch entkoppelte Dummy-Faser oder eine parallele Raman-DTS-Messung. Ohne Entkopplung sind Dehnungsangaben außerhalb isothermer Laborbedingungen nicht belastbar.
- Kalibrierzustand und Drift des Interrogators. Die absolute Genauigkeit hängt an der Qualität der Referenzen im Interrogator (Wellenlängenstandard, interner Temperatursensor). Jahresdrifts im Bereich einiger µε bzw. 0,1 °C sind typisch; eine regelmäßige Rekalibrierung mit rückführbarem Standard ist für prüffähige Messungen zwingend.
- Faseralterung und Mantelverlust. Beschichtungen altern unter UV-Strahlung, alkalischen Betonporenlösungen und Temperaturzyklen. Für Lebensdauern über zehn Jahre ist die Mantelauswahl entscheidend; polyimidbeschichtete Fasern haben hier eine deutlich bessere Prognose als acrylatbeschichtete.
- Faserbruch und Steckerausfall. Jeder Spleiß und jeder Stecker ist ein potentieller Ausfallort. Die Zuverlässigkeit einer Messkette ist nicht höher als die ihrer schwächsten Verbindung.
- Räumliche Auflösung vs. Messrauschen. Höhere räumliche Auflösung verringert bei verteilten Verfahren die effektive Mittelungslänge und damit das Signal-zu-Rausch-Verhältnis. Die Angabe „1 cm Auflösung” allein ist ohne Angabe des zugehörigen Rauschlevels unvollständig.
- Interrogator-Verfügbarkeit. Verteilte Interrogatoren sind Investitionsgüter im Bereich mehrerer zehntausend Euro; FBG-Interrogatoren beginnen deutlich darunter, erreichen aber ebenfalls fünfstellige Beträge. Für kleine Projekte ist die Mietung oder Nutzung eines Dienstleisterbetriebs oft wirtschaftlicher als die eigene Beschaffung.
7. Zusammenfassung
Faseroptische Sensorik ist heute kein Forschungsthema mehr, sondern ein ingenieurmäßig handhabbares Verfahren mit vier etablierten Prinzipien (Rayleigh, Brillouin, Raman, FBG), klaren Reichweiten und Auflösungen, standardisierten Topologien und einem wachsenden normativen Rahmen (IEC 61757, ISO 18674, fib Bulletin 86). Die Entscheidung für eine konkrete Variante folgt aus der Kombination von Messgröße, benötigter räumlicher Auflösung, Reichweite und der Frage, wie Temperatur- und Dehnungseinfluss getrennt werden sollen.
Die eigentlichen Fallen liegen nicht im physikalischen Prinzip, sondern in Mantelauswahl, Verankerung, Kreuzsensitivitätskompensation und Interrogator-Kalibrierung. Diese vier Themen entscheiden darüber, ob eine Messkette fünf Jahre nach dem Einbau noch belastbare Werte liefert — oder ob sie zur dekorativen Kabelverlegung geworden ist.
Für die Praxis empfiehlt sich: früh entscheiden, ob verteilt oder punktuell gemessen werden soll; die Faser und ihren Mantel als Teil der Struktur, nicht als Zukauf, verstehen; die Kalibrierkette von Anfang an dokumentieren; und die Datenpfade so entwerfen, dass eine Nachkalibrierung oder ein Interrogatorwechsel keine Rückwirkung auf die Interpretation historischer Daten hat.
IOAS begleitet Projekte in Bauwesen, Infrastruktur und Verbundwerkstoffen bei der Auswahl, Instrumentierung und Dateninterpretation faseroptischer Messketten. Für Rückfragen und Projektanfragen: director@ioas.pro.
Literatur
[1] López-Higuera, J. M.; Rodríguez Cobo, L.; Quintela Incera, A.; Cobo, A. (2011): Fiber Optic Sensors in Structural Health Monitoring. Journal of Lightwave Technology 29(4), 587–608. DOI: 10.1109/JLT.2011.2106479.
[2] Barrias, A.; Casas, J. R.; Villalba, S. (2016): A Review of Distributed Optical Fiber Sensors for Civil Engineering Applications. Sensors 16(5), 748. DOI: 10.3390/s16050748.
[3] Froggatt, M.; Moore, J. (1998): High-spatial-resolution distributed strain measurement in optical fiber with Rayleigh scatter. Applied Optics 37(10), 1735–1740. DOI: 10.1364/AO.37.001735.
[4] Soller, B. J.; Gifford, D. K.; Wolfe, M. S.; Froggatt, M. E. (2005): High resolution optical frequency domain reflectometry for characterization of components and assemblies. Optics Express 13(2), 666–674. DOI: 10.1364/OPEX.13.000666.
[5] Bao, X.; Chen, L. (2012): Recent Progress in Distributed Fiber Optic Sensors. Sensors 12(7), 8601–8639. DOI: 10.3390/s120708601.
[6] Dakin, J. P.; Pratt, D. J.; Bibby, G. W.; Ross, J. N. (1985): Distributed optical fibre Raman temperature sensor using a semiconductor light source and detector. Electronics Letters 21(13), 569–570. DOI: 10.1049/el:19850402.
[7] Ukil, A.; Braendle, H.; Krippner, P. (2012): Distributed Temperature Sensing: Review of Technology and Applications. IEEE Sensors Journal 12(5), 885–892. DOI: 10.1109/JSEN.2011.2162060.
[8] Hill, K. O.; Meltz, G. (1997): Fiber Bragg Grating Technology Fundamentals and Overview. Journal of Lightwave Technology 15(8), 1263–1276. DOI: 10.1109/50.618320.
[9] Her, S.-C.; Huang, C.-Y. (2011): Effect of Coating on the Strain Transfer of Optical Fiber Sensors. Sensors 11(7), 6926–6941. DOI: 10.3390/s110706926.
[10] fib Bulletin 86: Monitoring and Safety Evaluation of Existing Concrete Structures. International Federation for Structural Concrete, 2017.